Dienstag, 4. Juli 2017

Zum Niederknien für die Kunstgläubigen

Skulp & Blog -  eine postkryptische Bestandsaufgabe der Skulpturprojekte Münster 2017 mit multiplen Autoren - Gästen und Festen. 

Dem Schütte sein rostiger Massivstahl: Nicht nur für Anhänger der Atomreligion. Foto: S.T. 2017


Heute von: M.R. Heydt über den Nuclear Temple von Thomas Schütte.

Thomas Schüttes Nuclear Temple ist sicher eine der traditionellsten Arbeiten der ganzen Münsteraner Skulpturenschau – und genau das macht sie so interessant.
Im Wesentlichen bietet sie die skulpturale Verschmelzung zweier Architekturformen, Atommeiler und Moschee, bzw. Kraftwerk und sakraler Kuppelbau, und die Verschränkung eines Gegensatzpaares, nämlich des Modellcharakters der Skulptur (also etwas Vorläufigem) mit maximal stabilem, dauerhaftem Stahl als Material.
Um den Durchblick zu gewinnen muss man sich schon mal niederknien. Foto: S.T. 2017

Vielleicht sind manchem diese Ideen ein bisschen wenig – aber dieses Wenige ist nicht nur gut gedacht, sondern auch gut gemacht und präzise platziert und unterscheidet sich damit wohltuend von fast allen Werken dieser Ausstellung.
Vom Maßstab her besitzt die Skulptur durchaus gewisse Minigolfqualitäten Zumal es so viele verschiedene Durchgänge durch dieses Beinahe-Bauwerk gibt. Die möchte man aber doch lieber den fiktiven Menschlein überlassen, die hier hindurchschreiten könnten, als schnöden Minigolfbällen auf ihrem Weg in die finale Versenkung.
Zu dieser hartnäckig sich einstellenden Kinder- und Freizeitsport-Assoziation trägt natürlich auch der elegant gekurvte, flach umfriedete Sandplatz rings um die Skulptur bei. Wir lassen sie jetzt trotzdem mal beiseite.
Drei blinde Fenster in schönstem Rostorange. Foto: S.T. 2017

Der rostige Stahl besitzt beträchtliche malerische Qualitäten. Daraus könnte man folgern: Allein durch den farblichen Kontrast mit dem vielen Grün ringsum ist das schon eine ortsspezifische Setzung der Skulptur. Tatsächlich tritt der Atomtempel in einen Dialog mit ähnlichen Architekturformen in der Umgebung, die noch von der alten Zoo-Bebauung stammen, zierlichen Einzeltürmchen zwischen Tümpeln und Rasenflächen.
Licht im Schatten der Kernkraftkirche. S.T. 2017

Man kann sich natürlich auch ein wenig das Hirn verrenken und dann behaupten, da seien auf inhaltlicher Ebene einige Gemeinheiten verborgen in der Verschmelzung von Atomreaktor und Sakralbau – als wären wir noch gläubige Gemeindemitglieder der Atomkirche (das sind ja nicht einmal mehr die Vorstände von RWE und Konsorten), oder als seien Tempel im allgemeinen, Kirchen oder Moscheen etwas ähnlich gefährliches und abrissbedürftiges wie Atomkraftwerke.
Nun sind Reaktorhüllen nicht aus rostendem Stahl, aber man könnte solch einen Anblick auch auf bedrohliche Weise ruinös finden, wie ein postapokalyptisches Relikt aus einer fernen atomaren Vergangenheit….
Aber ich glaube gar nicht, dass Herr Schütte so viel Boshaftigkeit im Schilde führt. Es geht ihm wohl eher um den Zauber der Maßstabsverschiebung, ungeahnte Durchblicke und spannende Lichtführung in Architektur en miniature (und allenfalls noch um eine Reminiszenz an Richard Serra, der in Münster als erster Backstein mit rostigem Stahl konfrontierte) als um die Vorstellung, dass jetzt gleich eine Horde Kindermit ihren Spielzeuglastern anrückt, um Castor-Transport zu spielen.
Jedenfalls ist Schüttes rostiger Atomklops echt mal ein hübscher Brocken von einer Skulptur, bei dem man unterm Baumschatten gerne verweilt.

P.S. Liebe Katalogautoren, es handelt sich bei Thomas Schüttes Nuclear Temple um eine Skulptur, nicht um eine Diskursprothese! Sie muss weder die deutsche Kolonialgeschichte noch die „Wirkungen [der Zivilisierung] auf die Verfasstheit […] des Subjekts“ stemmen können. Gott sei Dank, es ist bloß Kunst!

M.R. Heydt
für den DER MEISTERSCHÜLER

Heydt ist Autor einer von Dr. Stephan Trescher und Ruppes skeptischen Anteilen der Restredaktion des Der Meisterschüler kuratierten kritschen Reihe über die Skulptur, versteckte 2017 – Hierbei entsteht ein Blogbuch zum Großkunstereignis zwischen Stadt- und Kunstmarketing. In lockerer Folge werden sich hier verschiedene Autorinnen und Autoren in Einzelbetrachtungen eine kritische Bestandsaufnahme über diese erfolg- wie folgenreiche Ausstellung leisten. Diskurs auch auf FB, mögl..
...als redaktionelles APPENDIXI wird hier erstmalig Claude und Harry ihre Reise nach Kassel verlinkt... Vom Guten, Wahren, Schönen. Ein erster Beitrag zur D14.

Kommentare:

Thomas More hat gesagt…

Ein interessanter Ortsbezug fehlt hier, der freilich nur älteren Münsteranern geläufig sein dürfte: Ziemlich exakt in diesem Bereich des alten Zoos befand sich die Meerschweinchen-Freianlage - mit Miniatur-Gebäuden: Bauernhäuschen rund um eine Dorfkirche. Durch das Dorf und durch die Gebäude wuselte die Meerschweinchen-Herde. Eine Attraktion besonders für kleine Zoo-Besucher. Direkt angrenzend dann links das Elefantenhaus - und das nun in exotischer, moscheeähnlicher Architektur!
(vgl. ein paar Bilder samt Plan auf http://schlueter-muenster.de/seite1.htm)

Ob Thomas Schütte, Jg. 54, gebürtiger Oldenburger, ab 73 zur Akademie nach Düsseldorf, in seine Miniatur-Moschee womöglich sogar eigene Erinnerungen miteingeflochten hat? Der alte Zoo bestand ja noch bis Ende 1973, um dann der WestLB Platz zu machen.

Ruppe Koselleck hat gesagt…

Danke für den lustigen Hinweis .-). Haben Sie schon mal versucht in den eisernen Schüttetempel hineinzukriechen. Man macht sich dreckig - aber erinnert diffus an das ein oder andere Meerschwein. (Es geht, seitlich...sehr eng und spannungsreich.) Sie lernen dabei regelmäßig auch andere Besucher kennen.

rainerkuehn hat gesagt…

Das Minigolfargument schlägt natürlich, gerade vor dem riesengroßen Bau der LBS, wo ja auch Kunst drin ist, und auch drumherum. "Die skulpturale Verschmelzung zweier Architekturformen, Atommeiler und Moschee, bzw. Kraftwerk und sakraler Kuppelbau" war dann für mich aber der entscheidende Hinweis zur Interpretation Schüttes rostiger Setzung.