Mittwoch, 13. Januar 2021

Der Płaszów Zyklus - Research on Conflict Landscape

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Im Flandernbunker sind im Kontext der Ausstellung "Konfliktlandschaften - Besuch in Płaszów" dreizehn Aquarelle von Andreas Brenne installiert, deren Gegenstand die Untersuchung des Lagers Płaszów als alter Friedhof, als Erinnerungsort, als Geschichtsort, als Fußballplatz, als Hundewiese, als als Ort des Verbrechens (....) einer sehr genauen ästhetischen wie historischen Analyse unterzogen wurden. Sie sind Teil seiner künstlerischen Feldforschung wie seiner wissenschaftlichen und kunstpädagogischen Praxis, die unter anderem im aktuellen Band Polyphonie des Holocausts seinen Niederschlag finden. (R.K.)
 
Der Płaszów Zyklus - Research on Conflict Landscape
Andreas Brenne

Farbe fließt, Wuchsformen und Architekturen werden mit feinem Pinselstrich grob umrissen und der Blick auf die Landschaft transformiert sich in eine luftige Gemengelage aus Formen und Farben. Im Kontext der Aquarellmalerei entstehen Bilder in einem wässrigen Milieu, in dem sich bildnerische Referenzen in einem selbstbezüglichen Flow aufzulösen scheinen.
 
Gewöhnlich konzentriert sich das Aquarell auf das Vorgefundene, auf den Moment, um diesen in einen lustvollen Malprozess zu überführen. Eine Bildpraxis die sich einer strukturell experimentellen Offenheit verpflichtet fühlt. Keine in Öl gegossene autonome Kunst, sondern ein Bildprogramm, in dem sich Anschauung und Bildgenese zu durchdringen scheinen. Aquarelle versuchen in impressionistischer Manier, „pleinair“ landschaftliche Formationen zu erfassen.

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Im Kontext des Płaszów-Zyklus’ wurde dieses Verfahren genutzt, um eine konfliktive Situation – eine Konfliktlandschaft – künstlerisch zu reflektieren. Durchaus irritierend, da der äußere Schein nicht zwangsläufig den Kontext repräsentiert, auf den er anzuspielen scheint. Gleichzeitig wurden Spuren und Palimpseste des Vergangenen implizit sichtbar gemacht. So entstanden Bilder, die nur vordergründig auf Konzepte wie Landschaft, Stillleben oder Architekturansicht referierten, in Wirklichkeit ein Areal der unbewältigten Konflikte thematisierte. Sedimente eines ungeklärten Gewässers kamen an die Oberfläche. So entstand ein Spannungsfeld zwischen malerischer Tradition und der seismographischen Diktion durch Substrate einer spürbaren Vergangenheit.

Das „Faktische“, d.h. der Stand der neuesten Geschichte weißt auf folgende Sachverhalte hin, und ist die Kontrastfolie einer forschenden Kunst. Das im Jahre 1940 errichtete Arbeitslager Płaszów, zunächst zur Internierung polnischer Gefangenen nach der Besatzung Polens durch Nationalsozialistische Deutschland installiert, wurde nach der Auflösung des Krakauer Gettos zum Konzentrationslager erweitert. 1944 – so die ungefähre Schätzung wurden dort ca. 20.000 Lagerinsassen gefangen gehalten. Man geht davon aus, dass dort 5000 bis 8000 Menschen ermordet wurden.
 
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Doch hier wird noch weiteres sichtbar: Dieser Ort ist heute – im Unterschied zu Ausschwitz/Birkenau - keine offizieller Gedenkstätte. Zwar weisen Artefakte und Hinweisschilder auf die Historie des Ortes hin, dennoch gibt es weder eine organsierte Erinnerungskultur, noch entstammen die punktuellen Hinweise konzertierte visuelle Konzeption. Das Gelände erinnert vielmehr an einen Landschaftspark, in dem sich die Anrainer unterschiedlichen Praktiken der Erholung und Erbauung hingeben. Eltern spielen mit ihren Kindern, picknicken oder durchqueren das Gelände, um ein Gewerbegebiet zu erreichen. Des Weiteren liegen große Flächen des Areals bis heute brach und sind von Wildpflanzen, Gesträuch und Birkenwäldern überwuchert. Dies gilt insbesondere für den Steinbruch, in dem die Insassen des Lagers zur Arbeit gezwungen wurden. 
 
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Hier überlagern und durchdringen sich palimpsestartig unterschiedliche Narrative, die den Betrachter in hohem Maße irritiert zurücklassen. Man begegnet den Hinterlassenschaften des Filmsets von Stephen Spielberg, erreicht eine Industrieanlage aus den frühen 1930er Jahren und stößt auf Reste des Arbeitslagern in Form von Ruinen und betonierten Anlagen. Sichtbar sind auch die Spuren juveniler Alltagskultur, die diesen Ort ebenfalls intensiv einbeziehen und dessen auratische Atmosphäre aufgreifen. Alte Betonröhren sind überzogen von okkulten Graffitis der neuheidnischen Szene („Hail Tyr“) und mittels Tags werden Zwistigkeiten rivalisierender Fußballvereine ausgetragen. Das Ganze durchzieht ein Plattenweg, der aus alten und kaum lesbar jüdischen Grabsteinen besteht – flankiert von Übersetzen von Elektrozäunen, mit denen das Arbeitslager befestigt wurde. Diese Objekte sind zwar alt – sind aber Überreste des Filmsets, die ihrerseits die Vergangenheit authentisch rekonstruieren.

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Diese Sachverhalte sind beredte Zeugen einer heterogenen Bezugnahme auf eine Landschaft, deren konfliktive Gemengelage sich bis heute auswirkt. Dies zu fassen, sichtbar zu machen und weitergehende Fragen zu stellen, ist Gegenstand einer forschenden Kunst, die zwar wenig valide ist, aber gerade durch ihre Brüchigkeit und Inkonsistenz epistemische Relevanz jenseits etablierter Muster zu entfalten weiß.
 
Andreas Brenne 2021
im Projekt Konfliktlandschaften - Besuch in
Płaszów

KONFLIKTLANDSCHAFTEN - Besuch in Płaszów
Helene Baldursson, Andreas Brenne, Sarah Büchel, Nine Gerhard, Ruppe Koselleck, Iwona Sasinska und Ella Malin Visse
Der Flandernbunker - Mahnmal Kilian, e.V.

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Im Kontext Ausstellung Konfliktlandschaften - Besuch in Płaszów, die am 27. Januar 2021 um 19 Uhr im Flandernbunker in Kiel eröffnet wird, werden an dieser Stelle Arbeiten und Projekte von sieben Studierenden und Lehrenden aus dem Fach Kunst von der Universtität Osnabrück vorgestellt. Die Arbeiten zeigen Exponate, Skizzen, Projekte und Reflexionen aus einer gemeinsamen Exkursion 2019 mit Historiker:innen in die Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, Monowitz und Plaszow.

Gezeigt wird zunächst der Stand der künstlerischen Beforschungen zum Komplex Auschwitz und Płaszów aus dem IAK - Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Konfliktlandschaften. Diese Arbeiten geben nur den künstlerischen Ausschnitt aus der Gesamtarbeit des IAK wieder, ohne deren Anregung und Diskussion diese Reflektionen nicht entstanden werden.

 
Lit.: Brenne, Andreas (2020): From Auschwitz to Płaszów. In. Potocka, Maria Anna (Hrsg.:) (2020): Polyphonie des Holocaust - Stimmen zur Erinnerungskultur. Göttingen. S. 46 ff

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